Die Wirklicheit
liegt im Auge des Betrachters

Für Matthias

In einem blog gibt es meist einen Menü­punkt »Über mich«. Dort sagt man etwas über sich aus. Ich habe darüber nach­gedacht, was ich über mich aussagen könnte. Etwas Schlichtes, Unkompliziertes. Natürlich möchte ich möglichst nützliche Missver­ständnisse erzeugen. Also ich bin 55. Vermutlich hat niemand Einwände gegen diese Information? Gut. Nein, falsch! Denn vielleicht bin ich ja jetzt, während Sie dies lesen schon 56. Oder 59. »Who knows?«

Ich mag Krimis, Pfirsichmarmelade, Amsterdam, Schwimmen in der Weser, Weihnachten – na geht doch. Und meinen Hund Ronja. Obwohl ich eigentlich Katzen­mensch bin, um genau zu sein. Also gut: verhinderter — weil auf den Hund gekommener — Katzen­mensch. Kann man auch verstehen. Besonders wenn man Ronja kennt. Ronja mögen alle, obwohl sie etwas streng riecht. Eher so dass Kühe sie mögen. Sie ist Flämischer Bouvier und von berufs­wegen — also vom Prinzip her und wenn sie nicht gerade Therapiehund ist — Kuh­hüterin. Vor 200 Jahren mussten Bouviers tagelang alleine kleine Rinder­herden im Gebirge hüten. Deshalb — weil ihr ja im Gebirge niemand gesagt hätte was sie tun soll — gehorcht sie nicht sondern überlegt und entscheidet sich dann fast immer, zu tun was sie verstanden hat was ich von ihr möchte. Sie ist also auch Konstruk­tivistin. Auf andere Leute macht sie eher den Eindruck eines Esels, die sind ja auch für’s Gebirge gezüchtet worden und treffen sehr autonome Entscheidungen. Aber ich schweife ab.

imageFast immer sind keine Kühe zum Hüten da. Also hütet sie mich. Und wenn ich gerade nichts tue, so wie jetzt in diesem Moment, dann blogge ich nicht sondern bin in ihren Augen im Widerkäu-Modus. Diesen Zustand duldet sie bei mir bis zu vier Stunden. Dann hat sie das Bedürfnis festzustellen ob ich das Wider­käuen überlebt habe. Allerdings möchte sie mich nicht stören. Deshalb bringt sie mir einen Tennis­ball oder einen Socken denn sie denkt, ich mag Socken und Tennis­bälle. Den werfe ich für sie weg weil ich denke, dass sie das von mir erwartet. Sie freut sich auch und rennt los wie ein Baseballspieler. Nach drei- oder viermal bleibt sie in einiger Entfernung mit Ball oder Socke im Maul stehen und sieht mich sehr nachdenklich an. Dann legt sie sich so hin dass ich sie gut sehen kann, den Schatz zwischen ihren Vorderpfoten oder unter der Schnauze.

Ich erkläre mir das so, dass sie Folgendes denkt: Bälle (oder Socken) findet ihr Mensch wichtig. Zumindest sieht es so aus als ob er diesen Gegenständen viel Bedeutung beimisst. Ronja kann das verstehen denn sie riechen meistens auch gut. Zumindest für Hundenasen. Wichtige Sachen schmeißt man nicht weg. Offenbar hat ihr Mensch das gerade vergessen, deshalb holt sie den Schatz wieder. Bei allem Respekt für ihren Mensch findet sie nach dem dritten Mal Wegwerfen, dass sie ihm jetzt ein ange­messe­neres Umgehen mit dem wichtigen Gegen­stand anbieten sollte. Wichtige Gegen­stände sind nämlich grund­sätzlich dazu da, dass man auf sie aufpasst. Also schlägt sie mir vor, auf den Ball (oder den Socken) aufzupassen, indem sie ihn bewacht. Ich lobe sie, sie ist zufrieden dass ich ihren Vorschlag ange­nommen habe und ich, dass ich Widerbloggen — sorry, weiterbloggen kann. Nützliche Missverständnisse eben.

Ronja teilt nicht alle meine Leidenschaften. Aber die meisten. Besonders mag sie dass ich Tango argentino tanze. Sie ist der Ostwestfälische Tangohund. Normalerweise springt sie aus dem Auto und bleibt in der Nähe, bis ich oder wir andeuten wo es hingehen soll. Wenn allerdings Tangoklänge in der Luft liegen — und sie hört sie schon lange bevor unsere Ohren sie wahrnehmen — rennt sie los in die Richtung, aus der die Musik kommt. Am liebsten möchte sie in Tanzrichtung — also linksrum — an der Wand entlang um die Tanzfläche herumgehen. Tangomenschen sind nämlich fast Kühe: sie bewegen sich vierbeinig und nicht allzu schnell und erfüllen, da sie dies quasi im Rudel tun, wesentliche Merkmale einer Herde.

Allerdings gab es anfangs ein Problem. Wenn Ronja’s Mensch singt, muss sie mitsingen. Vor allem wenn ihr Mensch mit anderen Menschen im Rudel heult. Pardon: singt. Das ist für Hunde ungeheuer identitätsstiftend. Und deshalb sind singende Menschen mit das Schönste im Leben für Ronja. Und wenn die TangoTenöre ihr amór und coracón und cariño in dramatisch hohen Schrebbelkadenzen singen, würde sie auch am liebsten mitsingen. Das musste ich ihr erst abgewöhnen, bevor sie gewissermaßen Parkettreife erlangt hatte. Dafür darf sie bei Geburtstagsständchen mitsingen. Damit haben wir immer viel Erfolg. Aber nun zu meiner Liebe zum Tango …weiterlesen…

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