Hände …

Worauf achten Sie, wenn Sie einschätzen wollen, ob Sie jemandem vertrauen können? Ich achte auf Hände. Ich war vor Jahren auf einem Alte-Musik-Festival im Pariser Palais Royal als Ausstellerin mit unseren historischen Blockflöten. Immer in der Mittagszeit kam ein Mann, grüßte schweigend mit einem zurückhaltenden Nicken und nahm einige Instrumente in die Hand. Er streichelte sie eher als dass er sie betrachtete. Ich sah ihm gerne zu, es sah aus, als ob die Instrumente schöner klingen würden allein durch die Art, wie er sie hielt. Manchmal dachte ich, dass ich ein Kind bedenkenlos diesen Händen anvertrauen würde. Mit dem gleichen freundlichen Nicken verabschiedete er sich jedes Mal nach einiger Zeit.

Am letzten Tag der Ausstellung sprach ich ihn an, es schien, als ob er meine Einladung zur Konversation gebraucht hatte um sich zu trauen zu fragen, ob er auf den Instrumenten spielen dürfte. Es klang schön, er spielte so, wie er die Flöten in der Hand gehalten hatte. Dann verriet er mir, er sei Anästhesist in einem Pariser Kinderkrankenhaus. Und ich wusste, dass ich ihm jedes meiner Kinder bedenkenlos überlassen hätte.

10 Jahre früher hatten Flöten und Hände einen point of no return in meinem Leben markiert. Ich hatte mein Abitur in der Tasche. Gerne hätte ich Medizin studiert um Kinderärztin zu werden, aber ich wollte mit eigenen Kindern nicht warten, bis ich meinen Facharzt bestanden hätte, und Kinder und Studium und Ausbildung gleichzeitig … das traute ich mir nicht zu. Psychologie wäre ein Alternativfach gewesen, aber es war die Zeit von verrückten oder zumindest forschungsethisch ziemlich bedenklichen Feldforschungsprojekten wie dem Stanford-Prison-Experiment und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass nicht so ganz klar gewesen wäre, wer anschließend behandlungsbedürftiger wäre — meine zukünftigen Klienten oder ich …

Mein alter Freund W. spielte das erlösende Orakel: warum ich nicht Musik studierte, schließlich hatte ich mit bis zu 16 Stunden Musik in der Woche am Kölner Musikgymnasium den künstlerischen Teil der Instrumentallehrerausbildung absolviert. Allerdings hielt er es mit Theodor W. Adorno, der die Blockflöte für ein faschistoides Instrument hielt, weshalb ich mich sicherheitshalber auch noch für Philosophie und Musikwissenschaft an der Universität einschrieb. Sollte ich Blockflötistin werden, würde er nie in eines meiner Konzerte kommen. Dass das mal klar wäre. W. stand mehr auf verräucherte Jazzkeller und Avantgardemusik.

Für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule galt für mein Fach die geheime Devise: »Spiel gut genug um angenommen zu werden aber schlecht genug, dass Du »nur« zu Michael Schneider kommst!« Michael Schneider war Professor Höllers Assistent und nahm — heimlich, gewissermaßen — in Amsterdam bei einem Schüler von Frans Brüggen, dem großen Meisters der historischen Aufführungspraxis, Privatstunden.

Ich vermute stark, dass ich es mehr der Fürsprache von Rosemarie Daehn-Wilke –meiner professora am Rheinischen Konservatorium für Musik in Köln – als meiner eigenen künstlerischen Reife zu verdanken hatte, dass ich die Aufnahmeprüfung bei Professor Höller bestand. Shit happens, würden wir heute sagen. Anyway …, es war wie es war.

Ich war sechzehn gewesen, als ich als Jüngste in der höchsten Altersgruppe den Landeswettbewerb »Jugend musiziert« in NRW gewann. Den Preis teilte ich mir mit einem zwei Jahre älteren Blockflötisten, durch den ich Rangulf Zschenderlein und durch diesen den Namen des legendären und als Geheimtipp gehandelten Flötenbauers Hans Schimmel kennenlernte. Rangulf vermittelte mir zweiter Hand eine Schimmel-Flöte, für die ich alles Geld ausgab, das ich von meinen beiden Patentanten zum Abitur bekommen hatte – einen gefühlt und an meinem Taschengeld- und BAFög-Budget gemessen astronomisch hohen Betrag von fast 2000 DM. Professor Höller war – to say the least – kein Experte für historische Aufführungspraxis, hatte aber die Lehrhoheit und nur abfällige Bemerkungen für die zugegebenermaßen nicht wirklich gute Ansprache und Intonation meines kostbaren Instruments übrig.

Ich wandte mich kleinmütig an Rangulf, der mir riet, das Instrument dem Flötenbauer selbst zu zeigen. Ich traute mich nicht, den Meister umgab der Nimbus, schwierig zu sein.

Wenige Wochen nach Beginn des Semester klopfte es an die Tür des kleinen Unterrichtsraums in der Musikhochschule, und ohne das »Herein!« des Professors abzuwarten trat ein Mann in einem roten Overall ein. Die Energie veränderte sich schlagartig. Er, nicht mehr der Professor war das Zentrum des Raumes …

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Es tut mir leid, weiter bin ich noch nicht gekommen, irgendetwas anderes kam dazwischen  Wenn Dir der Artikel gefällt und Du möchtest, dass ich als nächstes an genau diesem Artikel weiterschreiben soll, dann schreib’s mir doch einfach … :-D