Die Kraft des Wassers

… am Beg ar C’haor …

… am Beg ar C’haor …

 

... im Winter ...

… im Januar …

Es gibt Tage, da ist man auch ohne billigen Rot­wein, trübes Wetter und Ebbe in der Kasse depri­miert. An einem solchen Abend – der Rot­wein in meinem Glas war wie er sein sollte, trocken, erdig, samtig … – philo­so­phierte ich mit einem guten Freund – getrennt durch eine gute halbe Auto­stunde und ver­bunden durch eine Telefon­leitung – über die Zer­störung der Welt im Ganzen und im Beson­deren. Er bekannte, dass er immer nieder­geschla­gener würde.

Während mein Gesprächs­partner seinen inneren Status beschrieb wurde mir klar, dass ich in einem Korsett aus Angst steckte. Es gab keine heilen – und heiligen – Orte mehr. Wenn ich an den Mond dachte, waren schon Astro- und Kosmo­nauten dort gewesen und hatten Tonnen von Müll im Orbit hinter­lassen. Den sternen­klaren Nacht­himmel ent­weih­ten Posi­tions­lichter von Flug­zeugen, Satelliten und Raum­fähren. An den Polar­kappen schmolzen ganze Konti­nente und mit ihnen die Lebens­räume für Pinguine, Eis­bären und ihre Gefährten. Im Regen­wald fielen täglich 50 oder 500 – solche Größen­ord­nungen kann man sich ja eh nicht vor­stellen – Fuß­ball­felder von Ur­wald­riesen ries­igen Bull­dozern zum Opfer. Ihr Treib­stoff wurde durch Fracking in groß­artigen Natur­reser­vaten gewonnen, wo jetzt auch die tapfersten Rot­häute keinen Sonnen­tanz mehr ab­halten konnten, um Wakan Tanka, das Große Geheimnis, zu ehren.

Ich wusste nicht mehr, wo mein Geist hätte hin­fliegen können, um ein bisschen spirit für die nächsten Stunden zu tanken. Ganz ohne weh­leidig zu sein fühlte ich mich absolut mut- und macht­los – und meinem Gesprächs­partner am anderen Ende der Leitung schien es ähnlich zu gehen.

gegenstromwärts ...

… gegenstromwärts …

Für einen Moment tauchte das Bild von meinem Lieb­lings­platz am Fluss vor meinem inne­ren Auge auf. Kraft­volle Orte waren für mich immer schon mit Wasser verbunden. Der ruhige, mächtige Rhein zum Beispiel, der die Kulisse meines erwa­chenden poli­tischen Bewusst­seins bildete. Amsterdam mit seinen Kanälen, wo ich zuhause war, nachdem mein Mann und ich mit unseren Kindern eine Familie geworden waren. Ich erinnere mich, dass mich in der Zeit mein Bruder gele­gentlich für mehr Enga­gement für Amnesty Inter­national gewinnen wollte. Aber es war mir nicht möglich, mich mit den Qualen gefol­terter Dissi­denten zu beschäf­tigen und un­mittel­bar später ent­spannt mit meinen Kindern zu spielen. Er hat es mir, glaube ich, immer etwas übel genommen.

in der Drôme

… in der Drôme …

Als die Kinder klein waren hatten wir diesen Traum von einer meta­physi­schen Mikro-Welt­gemein­schaft, für den wir eine alte Schule in der nörd­lichen Provence gekauft hatten. Die zahl­losen unbe­rührten Wasser­fälle in den Bergen rund um unser Dorf, die keiner­lei touris­tische Attra­ktion dar­stellten (weil einfach keine Touristen dort hin­fanden) und deren majes­tätische, vers­pielte, glitzernde, tosende Leben­digkeit mit dem kristall­klaren Wasser, das man bedenkenlos aus der hohlen Hand trinken konnte und die das kleine Berg­dorf zum schönsten Ort der Welt für mich machten, auch nach­dem unser Utopia dort gestorben war.

... l'hermitage de brémélec ...

… l’hermitage de brémélec …

Und dann die viel­leicht glück­lich­sten Wochen meines Lebens, flittern in einem umge­bauten Ziegen­stall am Finistère – dem »Ende der Welt«, acht­hundert Meter vom Strand einer breto­nischen Bucht west­lich des sagen­um­wobenen Menéz Hom ent­fernt, die so zwischen zwei Halb­inseln lag – presqu‘ îls, »beinahe Inseln«, lustig, nicht? – dass der Wind die herbe, salzige Luft des Atlantik bis in die geöffneten Fenster wehte, der dennoch – vor allem nachts – oftmals so still war, dass man unwill­kürlich den kelti­schen Mythen glauben mochte, nach denen die Toten in ihren offenen Booten nach Westen über das Meer in die Ander­welt gleiten.

la lumière pour les trépassés ...

… la lumière pour les trépassés …

Es gab sie also noch, Refugien zum Aus­ruhen und Atem­holen, nicht auf meiner inneren Welt­karte, aber in meiner Erin­nerung. Während ich hin und wieder einen Schluck Rot­wein nahm und mein Freund und ich Theorien entwickelten über die großen Zusammen­hänge, ging ein Teil meiner Gedanken weiter eigene Wege … Wenn man die Welt retten möchte, kann man gleich depressiv werden. Es ist unmög­lich, all den gewissen- und gesetz­losen Wahn­sinn zu verhindern, der in großem Stil dabei ist, die Erde von innen aufzubrechen, um ihr noch ein bisschen Gas und sandiges Öl abzu­ringen, die Bienen vergiftet und mit aber­witzigen Lügen Kriege und immer neue Kriege anzet­telt, während eine ganze Poli­tiker­gene­ration zu koab­hängigen Mario­netten von öl-, macht- und geldsüchtigen Lobby­isten wird, noch bevor die 100-Tage-Karenz­zeit auch nur halb um ist.

... im Tal der Apollofalter ...

… Apollofalter …

Darüber waren mein­­ Freund und ich uns einig. Und dass wir nicht einfach zuschauen konnten auch. Ich hatte das unbe­stimmte Gefühl, dass es einen Unter­schied macht – einen Unter­schied, der wirklich einen Unter­schied macht – ob man die ganze Welt retten will oder mit allem, was einem zur Ver­fügung steht etwas verteidigt, das einem uner­setzlich erscheint. Wie zum Bei­spiel einen Fluss, in dem auch die eigenen Enkel noch schwimmen können sollen oder ein fran­zö­sisches Tal, in dem Hun­derte von Apollo­faltern zu­hause sind.

In Saar­brücken, wo ich geboren bin, konnten meine Brüder und ich – obwohl wir erst fünf, vier und zwei Jahre alt waren – neben unserer Sied­lung in einem Wäld­chem am Hang spielen, an dem es auch eine Quelle gab. Wir haben im Unterholz Hütten gebaut, das Wasser des kleinen Bachs gestaut, Borkenschiffchen mit Blättern, Käfern und Blumen bemannt auf die Reise geschickt … und wenn wir Durst hatten, mussten wir nicht nach Hause gehen, sondern haben uns unter die Quelle gelegt und das Wasser über unser Gesicht gleich in den Mund laufen lassen.

Im Sommer des Jahres, an dem wir an den Rhein zogen, wurde ich sechs. Alle Häuser im Viertel waren schwarz, selbst das fast neue, weiß geklin­kerte Vier­familien­haus, in das wir einzogen, hatte bereits begonnen schwarz zu werden. Wenn der Himmel verhangen war, war er gelb statt grau, und selbst wenn die Sonne schien gab es diesen gelb­lichen Schleier. Noch heute finde ich mich von einem Moment auf den anderen in diesen düsteren Straßen wieder, wenn ich den typischen, schwefe­ligen Geruch aus dem Schorn­stein eines Hauses mit einer alten Ölheizung rieche. In der Nähe unseres Hauses floss die Emscher, ein beton­gefass­tes Flüss­chen, dessen chemische Fracht es zum Um­kippen gebracht und in eine stinkende Kloake ver­wandelt hatte. Wenn wir am Wochen­ende einen Pick­nick­aus­flug zu den Rhein­auen machten, durften wir nur bis zu den Knöcheln in das giftige Wasser gehen. Das änderte sich auch nicht, als wir ein Jahr später nach Köln weiter­zogen.

... morgens  ...

… morgens …

Der Fluss, an dem ich heute wohne, war bis vor zehn Jahren auch nicht zum Baden geeignet. Chlorid­haltige Ab­wässer aus der Kalium­gewinnung konnten bis in die ersten Jahre dieses Jahr­tausends unge­hindert von den Fabriken im Quell­gebiet bis in die Nord­see fließen. Heute kom­men immer mehr Fische zurück, ein siche­reres Zeichen für die steigende Wasser­qualität als die chemischen Unter­suchungen der Institute.

... an der Weser ...

… an der Weser …

Wenn ein steifer Ostwind weht und die Tem­pe­ra­turen es zulassen, bei weit geöf­fnetem Fenster zu schlafen, dann weckt mich das Geschrei der Möwen und ich kann die Ein­ladung des Flusses schon beim Auf­wachen riechen. Vor dem Früh­stück ist das Wasser noch kalt, aber wenn mein Hund und ich eine halbe Stunde abwech­selnd gegen die Strömung gekämpft und in den kleinen Buchten zwischen den Buhnen herum­gedüm­pelt und geal­bert haben, ist der Tag schon gelungen. Und wenn ich nach der Arbeit mit einem vollen Kopf in das inzwi­schen um mehrere Grad wärmere Wasser gehe und mich anschlie­ßend von der Spät­nach­mittags­sonne trocknen lasse, ist mein Kopf wieder frei.

πάντα ῥεῖ oder »Alles fließt … Du kannst nie zweimal in denselben Fluss steigen!« Diesen Satz legte Platon vor zwei­ein­halb tausend Jahren sei­nem Kolle­gen Heraklit in den Mund. Meine Eltern konnten sich vor vierzig Jahren nicht vor­stellen, dass das Wasser der Emscher eines Tages wieder klar und hell durch ihr rena­turier­tes Bett fließen würde. Die Idee, dass Flüsse konta­miniert sind hat sich ihnen so einge­prägt, dass es sie jedes­mal über­rascht wenn ich erzähle, dass Ronja und ich den ganzen Sommer schon in unserem Fluss schwimmen gehen. Manch­mal sogar statt zu duschen.

Als Ronja und ich am Morgen nach jenem nächt­lichen Gespräch am Fluss entlang gingen, kam mir die Idee zum »Versuch einer Welt­auf­stellung …« Und mein Freund fasste den Entschluss, sein alter ego Kul Tedduz auf eine Reise zu schicken. Kuls virtuelle Abenteuer hält er seither in einem Reisejournal fest.

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