Wie Großvater mir seinen Kopf lieh

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Die Versuchung ist groß, an dieser Stelle mit der Erzählung fortzufahren, wie ich den Gordischen Knoten — die Tatsache, dass ich das Denken nicht abstellen konnte — löste. Aber ich widerstehe der Versuchung, gelobe, das Geheimnis dieser spannenden Frage zeitnah zu lüften und spinne vorerst den Faden mit meinem Großvater weiter.

Großvaters Kirche in Heinrichswalde/Kreis Elchniederung – Ostpreußen

Großvaters Kirche in Heinrichs­walde,
Ostpreußen (heute Russland)

Mein Großvater mütterlicherseits, Bruno Johannes Ellinger, wurde 44 Jahre alt, elf Jahre jünger als ich bin, während ich dies schreibe. Er studierte — wie sein eigener Vater vor ihm auch — Architektur, als er 1914 Soldat wurde. Er wurde in einem Schützengraben verschüttet. Dort war er in seiner Todesangst von einer Wirklichkeit berührt worden, die ihm wesentlicher erschien, als Häuser zu bauen. Er überlebte, schrieb sich nicht mehr für das Ingenieursstudium sondern an der theologischen Fakultät ein – und wurde Pfarrer. Er starb — wie ich bereits im vorigen Artikel erzählte — in der Silvesternacht 1941 vor Stalingrad. Da war meine Mutter, für die er noch vor dem Lieben Gott kam, erst fünfzehn.

Mir war er als Kind immer eigenartig nah. Ich konnte seine Gegenwart körperlich spüren, wenngleich ich mit niemandem darüber sprach. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, es stünde mir nicht zu eine so besondere Beziehung zu meinem Großvater zu haben, wo meine Mutter ihn doch so vermisste. Allerdings hatte er gewissermaßen immer entschieden, wann er bei mir sein wollte. Während meiner ganzen Kindheit war ich mir seiner Gegenwart nur unbestimmt bewusst gewesen, ich hatte sie nie selber gesucht.

Als sich das änderte, war ich bereits erwachsen und hatte zwei junge Kinder. Wir wohnten am Stadtrand von Amsterdam in einem kleinen Einfamilienhäuschen mit offenem Kamin und einem winzigen Garten, der kaum größer war als vier Badelaken. Ich hatte Freundschaft geschlossen mit dem Pastor der lutherischen Gemeinde und seiner Frau. Ihm war ich mit meiner liturgischen Hauskultur ein wenig unheimlich. Ich glaube, er hielt mich für eine leicht überdrehte religiöse Schwärmerin, weil ich morgens und abends eine kleine lutherische Andacht mit den Kindern hielt.

Meine Idee war, dass manche Menschen mit einem Psalm auf den Lippen oder im Herzen sterben möchten. Falls sie dann aber zum Beispiel dement sind, erinnern sie sich vielleicht nur noch an Sachen aus ihrer frühen Kindheit. Deshalb lasen wir bei unseren — übrigens sehr fröhlichen — kleinen Andachten, die kaum länger als zehn Minuten dauerten, übers Jahr verteilt die zehn wichtigsten Psalmen. Davon hatte ich meinem Pastor erzählt und er fand das — gelinde gesagt — etwas ungewöhnlich.

Seine sehr bodenständige Frau — Organistin, Tochter aus einem lutherischen Pastorenhaushalt und selbst Mutter von drei Kindern — fragte ich, als sie mich einmal zum Tee besuchte, was sie davon hielte. Sie überlegt kurz und fragte dann ihrerseits: »Wenn ihr morgens mal zu spät dran seid — frühstückt ihr dann oder betet ihr?« Da musste ich nicht lange nachdenken: »Wir frühstücken natürlich!« »Dann ist es gut lutherisch!« entschied sie resolut.

Als meine Ehe zerbrach, ging es mir viele Monate lang so schlecht, dass ich mich vor Rückenschmerzen kaum bewegen und schon gar nicht schlafen konnte. Lediglich um die Kinder zu versorgen schaffte ich das Nötigste. Das Vertrauen jenes lutherischen Pastors — übrigens mit sehr bibelfest-reformiertem Hintergrund, er hatte als Kind alle 150 Psalmlieder aus dem Genfer Psalter mit allen Strophen auswendig gelernt — hatte ich bei einem Diskurs darüber gewonnen, ob Jesus wohl mal gelacht hätte. Merkwürdigerweise hatte diese Frage mich mitten in meinem Rückenschmerz-Inferno angefangen zu beschäftigen und mit einer unbestimmten Wut erfüllt.

Wonno — so hieß er — entschied eines Tages mehr, als dass er es mir vorschlug: »Schimmeltje (mein Familienname Schimmel eignete sich gut für diesen Kosenamen), jij moet theologie studeren!« (»Schimmelchen, du musst Theologie studieren!«) Unmöglich, ich schlief nie mehr als zwei Stunden am Stück, dann musste ich aufstehen und lesen, um mich abzulenken oder Yogaübungen machen, weil es so schön war wenn der Schmerz nachließ, nachdem er erst noch schlimmer geworden war, oder einfach vor dem Kamin hocken und ins Feuer starren. Keine idealen Voraussetzungen, Um ein derart lernintensives Fach wie Theologie zu studieren.

Das sah Wonno nicht so. Im Gegenteil: wenn ich sowieso nicht schlafen könne, könne ich die Zeit zum Studieren nutzen. In Amsterdam war gerade der gesamte Universitätsbetrieb auf 14wöchige Trimester umgestellt worden, in denen man je zwei Fächer à 20 Stunden belegte. 14 Wochen lang 20 Stunden Griechisch in der Woche. Vier Trimester lang. Wenn ich mein Graecum bestehen würde, würde ich das als eine Art Gottesurteil akzeptieren und weitermachen, sagte ich ihm. Für Widerstand war ich zu erschöpft, es reichte lediglich für diese »petite provocation«.

Griechisch ...Das Feuer im Kamin wurde mein nächtlicher Gefährte, es hielt mich besser wach als Kaffee, und noch heute kann ich es hinter manchen griechischen Begriffen leise knistern und knacken hören, spüre die Wärme auf meinem Gesicht und rieche den Duft non trockenem, brennendem Holz. Mein Griechischdozent war verständnisvoll, wenn ich im Unterricht regelmäßig einschlief.

Unsere »École communale« in Cornillac, Drôme

Unsere »École communale« in Cornillac, Drôme

In der Schule waren Sprachen nicht meine besten Fächer gewesen, gelinde gesagt. Mein stark provençalisch gefärbtes Französisch hatte ich mit den Leuten in dem Dorf gelernt, wo wir uns einige Jahre vorher hatten niederlassen wollten. Und Holländisch hatte ich quasi den Leuten auf der Straße und meinen Freunden abgelauscht, die bereitwillig Niederländisch spachen, während ich – zumindest in den ersten Monaten – weiter Deutsch sprach. Ich fand einen Sprachkurs einfach verschwendetes Geld angesichts des bescheidenen zu erwartenden Ergebnisses. Aber Griechisch schien ganz einfach zweieinhalb tausend Jahre lang auf mich gewartet zu haben. Wörter, Grammatik und auch die Schrift, die Buchstaben, die ich einfach gerne schrieb weckten Bilder von Meer und Bergen, Bacchanalen, mythischen Wesen, die Ahnung von Klängen, die ich nie gehört hatte und die trotzdem vertraut und voller Licht waren. Kurzum: die Sprache lag mir.

Die Prüfung am Ende des vierten Trimesters verlangte von uns allerdings nicht mehr nur den Stoff der letzten vier oder fünf Kapitel — ich hatte bei den vorherigen Tests von den möglichen 10 zu meinem eigenen Erstaunen immer mindestens acht Punkte gehabt — sondern in dieser Prüfung brauchten wir alles: 2500 Vokabeln, 2 Seiten voller Multiple-Choice-Fragen zur Grammatik, Übersetzung eines fremden Textes … Ich merkte, dass mir der ganze Stoff hinten aus dem Kopf wieder herausfiel, sobald ich vorne nachlegte. Ganz nebenbei war das Thema des parallelen Trimestermoduls Hebräisch. 40 Sunden antike Sprachen in der Woche…

Das war der Moment, als ich meinen Großvater um Hilfe bat. Kein Witz. Ich habe mit ihm geredet, so wie manche Leute auf dem Friedhof mit ihren Angehörigen reden — oder wie ich mir das vorstelle, zumindest. Ich erklärte ihm meinen Deal mit dem Theologiestudium und dem Graecum als Gottesurteil sowie der Unmöglichkeit mir zu merken, was ich lernen musste. Dann schlug ich ihm vor, alles sozusagen durch meinen Kopf laufen zu lassen, aber anstatt dass ich es mir verzweifelt und erfolglos versuchte zu merken sollte er, der das alles ja auch schon mal gelernt und viel länger angewendet hatte, es bei sich speichern und es mir dann bei der Prüfung quasi zurückgeben. Oder so ähnlich. Dann büffelte ich und gab mir keine Mühe mehr, es zu behalten.

Dann kam die Prüfung. Keine Ahnung, warum ich heute noch weiß, welchen Mantel ich anhatte. Ich habe ihn noch, obwohl die Säume so abgewetzt sind, dass ich ihn nicht mehr tragen kann konnte ich ihn noch nicht fortgeben. Meine Kommilitonen saßen schon, ich setzte mich an den letzten freien Platz mit dem ausgelegten Arbeitsmaterial. Wir waren nicht in unserem eigenen kleinen Fakultätsgebäude, sondern bei den Wirtschaftswissenschaftlern und in einem Raum ohne Fenster. Ich fühlte mich merkwürdig, irgendwie als ob ich nicht richtig da war sondern nur zuschaute – ganz ruhig und irgendwie unwirklich.

Meine Strategie bei Multiple-Choice-Aufgaben war immer, die Bögen erst einmal zu überfliegen und alle Fragen zu bearbeiten, die ich sofort lösen konnte. Meistens reichte das schon, um nicht durchzufallen. Jetzt aber starrte ich auf die Bögen und verstand — nichts. Ich las Wörter, Anweisungen und Erläuterungen und wusste, dass ich beide Sprachen auf dem Papier kannte und die Bedeutungen auch — aber in meinem Kopf blieb es vollkommen still. Mir wurde flau, mein Dozent stellte mir ein Glas Wasser hin. Nach vierzig Minuten wollte ich aufgeben. Ich hatte den Mantel schon vom Stuhl genommen, auf dem ich ihn abgelegt hatte und wollte hineinsteigen, als mir die Vereinbarung mit meinem Großvater einfiel. Ich setzte mich wieder hin, konzentrierte mich auf die Vorstellung, dass ich den Stift hielt und er schrieb — und es funktionierte. Mit derselben Unbeteiligtheit wie am Anfang sah ich zu, wie meine Hand und mein Stift Seite um Seite zügig abarbeiteten.

Blieb noch die Übersetzung. Eine Sequenz von Aristoteles, meine ich mich zu erinnern. Eine Weile war wieder dieses merkwürdige Gefühl im Vordergrund, dass das alles nichts mit mir zu tun hatte, dass ich keine Verbindung herstellen konnte zu dem, was da auf dem Papier stand und dem, was die Fragen und Anweisungen von mir wollten. Aber dann verflüssigte sich dieser Zustand und ich verstand was im Text stand, konnte Frage um Frage, Anweisung um Anweisung bearbeiten. Ein bisschen ähnelte dieser Zustand dem während meiner Philosophie-Abiturklausur; während ich jedoch damals – aus Versehen, was aber eine andere Geschichte ist – bekifft in einer Art irritiertem Rausch geschrieben hatte, war es jetzt vollkommen still und ich fühlte mich irgendwie beschützt und durchdrungen von tiefer Konzentration.

Das Kreuz von Großvaters Schreibtisch

Das Kreuz von Großvaters Schreibtisch

Meine Mutter und ihre Schwester durften das Arbeitszimmer ihres Vaters nicht betreten, hatte meine Mutter erzählt. Ich glaube, nach dieser Prüfung wusste ich, wie es sich angefühlt hätte, versunken in ein Buch im großen Lehnstuhl gegenüber Großvaters Schreibtisch zu sitzen, während er an einer Predigt arbeitete.

Mein Graecum bestand ich mit 7 von 10 Punkten …

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