Versuch einer Weltaufstellung

»Reduktionen machen vieles unsichtbar,
damit es jenseits der Sinnfälligkeit umso stärker in Erscheinung tritt.
Das Knistern der Transformation beginnt hinter und außerhalb der Dimensionen des Raums,
im Widerstand, in der Berührung, dem Flügelschlag jenseits des Diesseitigen.
Ihre Energien sind Leere, Stille, Rausch und Sturm.«
(aus einem Prospekt des Malers Marc Deggeller, den ich leider nicht mehr finde :-()

 
 

Seit Monaten versuchten mein bester Freund und ich zu verstehen, was in der Welt los ist und warum wir – jeder auf seine eigene Weise: ich schwankend zwischen Resi­gnation und Angst, er zwischen Wut und Depression – das Gefühl hatten, macht­los Zeuge von beängs­tigenden Ent­wick­lungen zu sein. Ich fragte mich, wo die poli­tisch so aktiven Zeit­genossen der 70er und 80er Jahre waren, mit denen ich mich im Kampf gegen die Wieder­bewaff­nung Mittel­europas im Kalten Krieg, gegen Atom­kraft­werke, Fahr­preis­erhöhungen, dem Diskurs über den Terror der RAF und die Entstehung der Friedens- und Um­welt­bewegung verbunden gefühlt hatte. Andererseits – vielleicht fragten sie sich ja dasselbe?

Im Frühjahr hatte mein Freund sein alter ego Kul Tedduz als Kundschafter auf die Reise geschickt, der ihn seither mit Informationen aus der ganzen Welt versorgte. Die Nachrichten waren besorgniserregend. Es schien, als würden demokratische und völkerrechtliche, ökologische und marktwirtschaftliche Errungenschaften einer ganzen Generation – unserer Generation – ausgehöhlt und unterwandert.

Eines Abends kam mir die Idee, wir könnten vielleicht unser Problem zum Thema einer Aufstellung machen. Natürlich war mir klar dass es einigermaßen vermessen ist, einfach mal so die Welt »aufzustellen«. Aber vielleicht doch nicht unmöglicher als die verdeckte Aufstellung eines Themas, bei der niemand weiß worum es geht – und die KlientIn, die das Anliegen einbringt ja im Grunde auch nicht, sonst müsste es ja nicht aufgestellt werden – oder von einem Theaterstück, das vielleicht nie geschrieben wird, weil die Aufstellung ergibt, dass der Plot nicht stimmt. Ich erzählte meinem Freund von meiner Idee mit der Aufstellung. Wir ergänzen uns gut. Vor einigen Jahren hatte er, von Beruf Gestalter, meinem Struktur­auf­stellungs­format dona vacui eine Form gegeben und war seither mit Aufstellungen vertraut. Er kennt meine Neigung zu querdenkerischen Ideen und Experimenten. Er konnte sich das mit der Weltaufstellung zwar nicht so ganz vorstellen, war aber bereit sich darauf einzulassen. Es gab ja nichts zu verlieren. Also haben wir uns getraut, aus dem Schatten unserer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit heraus zu treten und es zu versuchen.

»Auch wenn man nicht weiß ob es besser wird, wenn man etwas anders macht,
muss man doch manchmal etwas anders machen,
damit es besser werden kann.«

In Aufstellungen zu sehr komplexen Problemlagen kann es passieren, dass man als Aufstellungsleiterin den Überblick verliert oder sich in die Thematik verstrickt. Ein sehr anschauliches Beispiel dazu hat einmal Gesa Jürgens auf einem Kongress-Workshop dargestellt: Sie arbeitete als Supervisorin in einer Scuhtklinik, in der mehrere Generationen von Familien behandelt wurden, in denen substanzinduzierte Abhängigkeiten (Medikamente, Alkohol, Drogen), Gewalt, Suizidalität und andere Formen von selbst- und fremdverletzendem Verhalten vorkamen. In den Therapiesitzungen arbeiteten mehrere Therapeutenteams mit jeweils einer Familie. Auch die SupervisorInnen arbeiteten in Teams. Ihre Aufgabe war es einzugreifen wenn sie merkten, dass sich das Therapeutenteam, das gerade arbeitete, in die Familiendynamik verstrickte. Oftmals, besonders zu Beginn eines therapeutischen Prozesses, war dies bereits nach wenigen Minuten Kontakt zwischen Klientensystem und Therapeutenteam der Fall.

In einem unserer Vorgespräche hatte ich meinem Freund von diesem Phänomen erzählt und ihn auf die Möglichkeit vorbereitet, dass wir etwas ähnliches erleben könnten. Wir hatten uns dieses Projekt ja vorgenommen weil wir das Gefühl hatten, dass zur Zeit globale politische und ökonomische Prozesse auf eine Weise ineinander greifen, die zu größter Sorge für die Zukunft von Umwelt, Frieden und Menschenrechten Anlass geben. Da ich nicht nur Teilnehmerin sondern auch Moderatorin der Aufstellung war rechnete ich mit der Möglichkeit, den Prozess unter- oder abbrechen zu müssen, wenn wir uns in die Dynamik einer der »Rollen« verstricken würden.

Wenn man einem Thema in seiner Komplexität nicht gerecht werden kann macht es zuweilen Sinn, sich ihm mit radikaler Naivität zu nähern. Wir haben ein Picknick in unsere Fahrradtaschen gepackt, eine Decke, eine Kamera und etwas um unsere Überlegungen zu fixieren. Damit haben wir uns an einer Stelle am Fluss eingerichtet, an der wir auf mehreren Ebenen arbeiten konnten und wo zwar immer wieder mal Leute vorbei kamen, die aber nicht an der Hauptstrecke des viel befahrenen Weser-Radweges lag. Knapp über der Wasserlinie gibt es eine breite Buhne, die Uferböschung läuft nach oben mit einem breiten Rasenstreifen zum befestigten Fußweg hin aus, und zwischen dem Fußweg und einem liebevoll gestalteten Holzspielplatz – mit dicken Balanciertauen, Kletternetzen und einem Aussichts»Turm« – steht eine breite Bank.

Auftakt zum Versuch, die Welt aufzustellen ... ©kw

Auftakt zum Versuch, die Welt aufzustellen … ©kw

Nachdem wir unser Basislager auf der Picknickdecke eingerichtet hatten stellten wir uns zunächst die Frage, was der »Versuch, die Welt aufzustellen« sein könnte. Das Ergebnis verblüffte uns: was wie ein auflockernder Scherz zum Auftakt gemeint war führte zu einer Antwort, die einfach und richtig klang: »Der Versuch einer Weltaufstellung ist das was geschieht, wenn DU und ICH das machen, was wir Versuch einer Weltaufstellung nennen.« Es liest sich schräg, aber wir mussten beide lachen und hatten das Gefühl, dass wir uns unserer Kreativität und Imaginationsfähigkeit, unserer Intuition und dem kairos – dem Moment und unserer Gestaltungskraft – anvertrauen konnten.

Komplexitätserweiterung ... ©kw

Komplexitätserweiterung … ©kw

Wir suchten einen Ausgangspunkt, der einen besseren Überblick und mehr Distanz erlaubte und
entschieden uns für die Bank als Meta-Perspektive: sie gestattete einen guten Überblick auf den Fluss und auf unser »Feld« mit seinen verschiedenen Ebenen. Unsere Exploration begannen wir mit der Überlegung, aus welchen Blickwinkeln wir die Welt betrachten, wer vielleicht über unsere Schultern mit schaut, welche Perspektiven vielleicht (noch) interessante und relevante Einsichten schenken könnten. Wir stellten uns vor, einige unserer Ahnen würden uns stolz und liebevoll zuschauen und auf ihrer Wolke ein Reflecting Team bilden. Oder wie unsere alter ego’s – meines verwende ich im Allgemeinen nur, um heimlich Gedichte zu veröffentlichen 😉 – die Dinge sehen. Oder ein Stammtisch von Fußballfans. Oder die Leute die der Auffassung sind, man könne sowieso nichts ändern. Wir notierten alles ohne zu kommentieren und die Perspektiven, die uns potentiell geeignet erschienen, einen Fokus darzustellen bekamen einen dicken Kreis …

Komplexitätsreduktion ... ©kw

Komplexitätsreduktion … ©kw

Bei der Fülle der Möglichkeiten versuchten wir eine Art Hierarchisierung oder Meta-Struktur der Foci (oder Fokusse?) zu schaffen. Am Ende kamen wir zu dem Schluss, dass wir, angesichts der begrenzten Anzahl möglicher Repräsentanten – selbst wenn wir Ronja dazu rechneten waren wir nur zu dritt; und auf die Idee, samstägliche Spaziergänger einzuladen, sich spontan mal kurz als Repräsentanten zur Verfügung zu stellen, kamen wir nicht – dass wir also keine wirklich ernst zu nehmende Alternative zu der Lösung hatten, dass einer von uns die Welt, der oder die andere den Fokus darstellen musste.

... ...hidden place ... © kw

… hidden place … © kw

Wir wählten eine kleine natürliche Terrasse unterhalb des Weges, gegen Einblicke geschützt durch die bis ins Wasser reichenden Zweige einer riesigen Trauerweide.

Hier könnte es bei nächster Gelegenheit weitergehen. Eine Nachricht oder ein Kommentar erleichtern mir die Entscheidung, woran ich weiter schreiben soll … 😀

 

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